„Die Schere im Kopf verschwand nicht sofort“
Pressefreiheit ist in Deutschland im Artikel 5 des Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland verankert. Für Maryam Mardani war das keine Selbstverständlichkeit. Die iranische Journalistin hat unter Zensur gearbeitet und lebt seit 2013 in Deutschland. Wie sich ihre Arbeit unter diesen Bedingungen verändert hat, erzählt sie in diesem Protokoll.
„2013 stieg ich in Schiras in ein Flugzeug, um ein neues Leben zu beginnen. Ich war 29 Jahre alt und hatte zwei Koffer dabei, prall gefüllt mit Kleidung, Büchern und Träumen, die ich in Iran nicht verwirklichen konnte. Ich ließ meine Familie, meine Freunde und mein bisheriges Leben hinter mir. Vor mir lag Deutschland – ein unbekanntes Land, das mir Freiheit versprach.
Ich hatte gerade mein Masterstudium in englischer Literatur abgeschlossen und angefangen in Iran als Dozentin zu unterrichten. Doch ich geriet ständig in Konflikt mit der Universitätsleitung: Mal hieß es, ich dürfe nicht ohne Kopftuch unterrichten. Dann, dass ich mich anders kleiden oder die Gespräche mit männlichen Studenten unterlassen solle. Auch meine Kurzgeschichten konnte ich wegen der Zensur nicht veröffentlichen. Ich war eine junge Frau mit einem gesunden Körper, aber ich fühlte mich durch die Unterdrückung meiner Gedanken regelrecht verstümmelt. So entschied ich, Iran zu verlassen. Eine Promotion in Deutschland wurde zu meiner Chance.
In meiner neuen Heimat angekommen, stand ich mit meinen Koffern am Bahnhof einer bayerischen Kleinstadt und war überwältigt. Sofort kam eine freundliche junge Frau, die sich als Studentin aus Italien vorstellte, auf mich zu und bot mir ihre Hilfe an. Diese erste, zufällige Begegnung hat sich mir tief eingeprägt.
Es war meine erste Begegnung mit einer anderen Studentin meiner Universität. Nach diesem freundlichen Treffen hatte ich das Gefühl, dass wir Menschen – egal welcher Nationalität – einander verstehen und uns leicht näherkommen können, während unsere Regierungen uns voneinander entfernen.
Bis ich mich wirklich frei fühlte, vergingen Jahre. Ja, ich war jetzt ‚frei‘ – aber was bedeutete das überhaupt? Am Anfang wusste ich es nicht. Auch beim Schreiben meiner Doktorarbeit merkte ich, wie tief die Zensur in mir saß. Diese ‚Schere im Kopf‘ verschwand nicht sofort. Doch mit der Zeit fand ich Worte für das, was ich wirklich sagen wollte.
Am Ende meiner Promotion entstand der Wunsch, Journalistin zu werden; ein Beruf, der in Iran für mich unerreichbar gewesen wäre. Dort gibt es keine Pressefreiheit. Journalisten arbeiten nicht unabhängig wie in Deutschland, sondern unter Kontrolle des Regimes. Wer kritisch berichtet, riskiert seine Freiheit oder sein Leben. Ich habe erlebt, wie Freunde verhaftet wurden, weil sie über Themen wie Drogenmissbrauch oder Kinderarbeit schrieben.
Jetzt, nach 13 Jahren Leben und Arbeit in Deutschland, nehme ich wahr, dass die Meinungsfreiheit zwar im Grundgesetz Deutschlands geschützt ist, es jedoch in Bezug auf einige politische Themen gesellschaftliche und mediale Sensibilitäten gibt, die den Debattenrahmen beeinflussen. Gerade in der Berichterstattung und in öffentlichen Diskussionen zu Nahost – etwa zum Iran-Konflikt oder zum Krieg in Gaza – nehme ich eine spürbare Zurückhaltung gegenüber scharfer Kritik an israelischer Politik wahr.
Gleichzeitig hat das Thema eine persönliche Dimension. Ich sorge mich um meine Familie in Iran, die zwischen Krieg und Repression lebt. Besonders belastend ist, dass die junge Generation ihre Hoffnung verliert. Meine Nichten und Neffen sind noch Teenager, haben ihre Träume aber bereits aufgegeben. Ich wünsche mir, dass sie eines Tages erleben, was für mich möglich war: ein Leben in Freiheit und die Chance, ihre Ziele zu erreichen.