Mit vollem Herzen gegen die Demokratie
Wie konnte ein französischer Philosoph zum Stichwortgeber einer neuen amerikanischen Rechten werden? Wer verstehen will, warum Donald Trump, sein Vize JD Vance und ein Kreis von Tech-Milliardären um Peter Thiel die westliche Welt herausfordern, muss tiefer blicken als in parteipolitische Kategorien. Ihre gemeinsame Grundlage ist eine Weltsicht, die mit den Prinzipien liberaler Demokratie bricht – gespeist aus Philosophie, Anthropologie und Religion. Im Zentrum: das Denken von René Girard.
Diese Ideen sind nicht bloß akademische Fußnoten. Sie prägen konkrete politische Strategien. Wenn Trump in seinen Reden gegen die korrupten Eliten und das "Establishment" wettert, ist das mehr als populistische Polemik: Es ist die politische Übersetzung von Girards Theorie des Sündenbocks.
Doch wie so oft bei der amerikanischen Rechten wird Girard nicht verstanden, sondern instrumentalisiert – als intellektuelle Legitimation für Oligarchie, Autoritarismus und gesellschaftliche Spaltung. Peter Thiel, Mitgründer von PayPal und Palantir, sowie Vance sind die sichtbarsten Vertreter dieser Ideologie. Und sie sind nicht allein: Investoren wie Marc Andreessen, Elon Musk oder der Vordenker Curtis Yarvin verfolgen ähnliche Ziele.
Die Fehlinterpretation Girards
René Girard sah den Menschen als ein mimetisches, also nachahmendes, Wesen: Wir begehren nicht aus innerem Antrieb, sondern wir begehren, was andere begehren. Diese Nachahmung erzeugt Rivalität, diese Rivalität führt zu Konflikten, und Konflikte münden schließlich in Gewalt. Frieden entsteht für Girard nur episodisch, wenn ein Sündenbock gefunden und geopfert wird. Doch selbst dieser Frieden ist trügerisch, denn mit dem nächsten Nachahmungszyklus beginnt dieselbe Spirale von Neuem.
Girards Anthropologie ist radikal pessimistisch, aber sie besitzt einen entscheidenden Ausweg: den Bruch mit dem Sündenbockmechanismus durch das Christentum. In der Figur Jesu sieht Girard den ersten unschuldigen Geopferten der Menschheitsgeschichte, dessen Gewaltlosigkeit die Logik der Gewalt entlarvt. Die Erkenntnis der Unschuld des Opfers ist für Girard die "spirituelle Metamorphose", die dem Menschen die Möglichkeit gibt, aus den endlosen Zyklen der Vergeltung auszubrechen. Gewaltlosigkeit kann Gewalt überwinden.
Dieser Gedanke ist für moderne politische Ordnungen wichtig, weil er die Grundlage legt für Rechtsstaat, Menschenrechte und Demokratie: Konflikte sind nicht Naturgesetz, sondern durch Institutionen zivilisierbar. Peter Thiel, der selbst Student von Girard an der Stanford University war, übernimmt diese düstere Anthropologie, ohne seinen zivilisatorischen Fortschritt anzuerkennen. Er und andere konstruieren ein Weltbild, in dem Gewalt, Konkurrenz und Feindschaft unvermeidlich sind – und in dem deshalb die Institutionen der liberalen Demokratie als schwach erscheinen.
Monopol als Rettung
Thiel radikalisiert diese Sicht, indem er Wettbewerb grundsätzlich als destruktive Kraft deutet. Er sieht im ökonomischen Wettbewerb keine produktive Dynamik, sondern eine mimetische Falle: Alle tun dasselbe, ahmen einander nach, zerstören dadurch Werte, und am Ende bleiben nur Verlierer. Sein berühmter Satz "Competition is for losers" – Wettbewerb ist etwas für Verlierer – bringt diese Weltsicht auf den Punkt. Für Thiel besteht Fortschritt nicht in fairen Märkten und regulierter Konkurrenz, sondern in der Schaffung von Monopolen, die sich dauerhaft dem Wettbewerb entziehen. Monopol sei nicht Missbrauch von Markt, sondern dessen Überwindung; nicht Gefahr für Freiheit, sondern Garant für Innovation.
Damit missversteht Thiel einen zentralen Pfeiler unseres Wirtschaftsmodells. Marktwirtschaft funktioniert und schafft Wohlstand und Fortschritt, weil Wettbewerb produktiv kanalisiert wird: durch Regeln, durch Institutionen, durch das staatliche Gewaltmonopol, das faire Chancen und Innovation garantiert und die Schwächeren schützt, so die Erkenntnisse beispielsweise der Träger des Wirtschaftsnobelpreises 2024 Daron Acemoğlu, Simon Johnson und James A. Robinson.
Auch Solidarität und Wettbewerb sind keine Widersprüche, sondern bedingen einander. Eine Gesellschaft, die Menschen nicht absichert, erstickt ihre Potenziale. Eine Wirtschaft, die Monopole zulässt, erstickt Innovation. Ein Staat, der sich selbst aufgibt, macht den Weg frei für Willkür.
Dieser liberale Rahmen und die daraus resultierende Marktwirtschaft samt Kapitalismus – sofern er funktioniert und nicht, etwa von Tech-Milliardären, missbraucht wird – sind keine Einschränkung, sondern die Voraussetzung für Wohlstand. Doch Thiel betrachtet genau diesen Rahmen als Teil des Problems. Er argumentiert, die Institutionen liberaler Demokratie seien zu schwach, um die unvermeidlichen Konflikte mimetischer Rivalität zu zähmen. Und weil der Nationalstaat durch Globalisierung und technologische Monopole an Souveränität verloren hat, zieht er den fatalen Schluss, dass die Demokratie und der Staat selbst zum Problem geworden seien. So sagt er offen: "Ich glaube nicht länger, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar sind."
Mehr noch, er fürchtet sich vor der Entstehung eines autoritären Weltstaats. Peter Thiel sieht darin das Teuflische, den "Antichrist", der die Zerstörung von Freiheit und Fortschritt herbeiführt. Und hat es sich zu seiner persönlichen Mission gemacht, diesen Antichristen – vor allem in Form politischer "woker" und progressiver Kräfte – zu identifizieren und zu stoppen.