Kerosin wird knapper: „Es könnte also schon im Mai und Juni zu erheblichen Flugkürzungen kommen“

Das Risiko eines Engpasses an Flugzeugbenzin steigt mit jedem weiteren Tag, an dem die Straße von Hormus blockiert bleibt. Wie lange es dauert, bis die Kerosinvorräte wirklich zur Neige gehen, ist fraglich. Das Risiko eines Mangels ist in Asien am höchsten, in Europa etwas niedriger – aber die Länder beider Weltteile sind von dem Öl und den Raffinerien in Nahost abhängig.

Die Situation könne binnen der „nächsten drei, vier Wochen systemisch“ werden, warnte der Ökonom Claudio Galimberti von der Analysefirma Rystad Energy am Dienstag. „Es könnte also schon im Mai und Juni zu erheblichen Flugkürzungen kommen.“

Galimberti zufolge wurden bereits Flüge wegen Kerosinengpässen ggestrichen –eine Sprecherin der Europäischen Kommission hingegen sagte am selben Tag, es gebe bisher keine Hinweise auf Treibstoffmangel. Sie räumte allerdings auch ein, dass es „insbesondere bei Flugkraftstoffen in der nahen Zukunft zu Versorgungsengpässen“ kommen könne.

Chef der Internationalen Energieagentur warnt

Der europäische Dachverband für Flughafenbetreiber (ACI Europe) schrieb in der vergangenen Woche an die EU-Kommission, dass ab Anfang Mai eine Kerosinknappheit eintreten könnte, wenn Tanker nicht vorher wieder durch die Straße von Hormus fahren.

Die Meerenge verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman. Seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar ist sie de facto durch die iranischen Revolutionsgarden weitgehend gesperrt. Normalerweise verläuft rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports durch die Schifffahrtsstraße.

Auch der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, warnte, dass Europa „vielleicht Anfang Mai“ Flugzeugbenzinknappheit erleben könnte. In ihrem monatlichen Bericht zum Ölmarkt allerdings benannte die IEA ein späteres Datum: „Sollte sich die Lage auf dem globalen Flugkraftstoffmarkt weiter verschärfen und sollten die europäischen Märkte nicht in der Lage sein, mehr als 50 Prozent ihrer aus dem Nahen Osten verlorenen Mengen zu sichern, werden die Lagerbestände im Juni die kritische 23-Tage-Marke erreichen.“

Reiche sieht keinen Kerosinmangel in Deutschland

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sieht für Deutschland keine Gefahr eines Kerosinmangels. „Hier haben wir in Deutschland keinen Mangel an Kerosin“, betonte Reiche. Auch bei der Freigabe der Ölreserve habe man Teilmengen an Kerosin freigegeben, die aber nicht in übermäßigem Maße nachgefragt worden seien. „Kerosin wird übrigens auch in deutschen Raffinerien produziert“, betonte sie. Deutschland sei nicht nur von Importen von Kerosin abhängig.

Eine allgemeine Einschätzung der Lage zu treffen, ist schwierig: Japan beispielsweise ist äußerst abhängig von Importen, hat aber zugleich erhebliche Reserven aufgebaut. In Europa sind einige Länder schneller betroffen: Österreich, Bulgarien und Polen verfügen über größere Vorräte. Anders sieht es etwa in Großbritannien, Island und den Niederlanden aus.

Die Auswirkungen werden sich auch je nach Flughafen und Airline unterscheiden. „Kleinere Flughäfen im Landesinneren werden in einer schwächeren Position sein als die großen Drehkreuze“, sagte der Ökonom Rico Luman von der ING-Bank. „Es wird nicht zu einem vollständigen Stillstand kommen, sondern zu teilweisen Ausfällen bei einigen Airlines und Flughäfen.“

Die Fluglinien wiederum haben wenig Überblick, um ihr Flugprogramm zu planen. Die Branchenorganisation Airlines for Europa (A4E), zu der neben dem niederländisch-französische Konzern Air France-KLM und der irischen Billigfluglinie Ryanair auch die Lufthansa gehört, drang bei der EU darauf, Echtzeitinformationen über Treibstoffvorräte an den Flughäfen verfügbar zu machen. Diese Daten müssen aber von den Kraftstofflieferanten kommen - die wiederum nicht begeistert von der Aussicht sind, sensible Geschäftsdaten an ihre größten Kunden weiterzugeben.

Der französische Energiekonzern TotalEnergies warnte bereits, nicht alle seine Kunden beliefern zu können, sollte das Öl aus der Golfregion noch im Juni dort blockiert sein. „Sollten dieser Krieg und diese Blockade länger als drei Monate andauern, werden wir bei einigen Produkten wie Flugbenzin mit ernsthaften Versorgungsproblemen konfrontiert sein“, sagte Konzernchef Patrick Pouyanne am Montag. (AFP, Reuters)