Zäher Kampf für die Frauen in der Wissenschaft: Es gibt so viele gute Ideen – setzen wir sie um!

Applaus. Nachfragen. Mein Lieblingsteil bei Veranstaltungen. Unweigerlich kommen am Ende immer zwei Fragen: Warum wissen wir so viel und tun doch so wenig? Woher nehmen Sie die Kraft, immer wieder dasselbe zu sagen?

Zumindest die zweite Frage lässt sich leicht beantworten. Gerade weil wir so viel wissen, ist es nötig, beharrlich darauf hinzuweisen, wie eklatant die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Wissenschaft sind und wie sie zu beheben wären. Es gibt so viele Probleme, denen wir mehr oder weniger hilflos ausgesetzt sind. Die Einbeziehung von Frauen in die Wissenschaft gehört sicher nicht dazu.

Jutta Allmendinger ist Soziologie-Professorin an der Humboldt-Universität, Vorstandsvorsitzende von BR50 und war bis 2024 Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Sie schreibt in dieser Kolumne abwechselnd mit Ulrike Freitag, Jule Specht, Barış Ünal und Johannes Vogel über aktuelle Wissenschafts- und Hochschulthemen.

Hier haben wir jedoch ein Umsetzungsproblem. Zudem kann ich das ewige Jammern nicht ab: „Ach, die Frauen wollen nicht, es gibt sie nicht, ihnen fehlt der Biss.“ Das stimmt so einfach nicht.

Ich kann das ewige Jammern nicht ab: ,Ach, die Frauen wollen nicht, es gibt sie nicht, ihnen fehlt der Biss.’

Die Leaky Pipeline hat sich deutlich nach hinten verschoben. Wir haben Parität bei Studienabschlüssen und Promotionen. Auch der Frauenanteil an Habilitationen nimmt stetig zu; das gilt auch für Juniorprofessuren.

Der Anteil der Frauen in der Forschung, hier am Biomedizinischen Zentrum der Uni-Klinik Bonn, wächst. Doch die Hürden sind noch immer groß.

© imago images/Rupert Oberhäuser

Erst wenn es um Festanstellungen geht, wird es zäh. Die Phase der Kurzverträge dauert ewig. Das wäre vielleicht noch zu verkraften, gäbe es eine Perspektive. Wüsste man, was zu tun wäre. Aber es bleibt ein Risiko, ein Hazard, wie Max Weber es bereits beschrieben hat.

Es geht einher mit einer systematischen intellektuellen Verunsicherung, einer strukturell erzeugten Unsicherheit, die das Vertrauen in die eigenen Kompetenzen unterhöhlt. Das Impostor-Syndrom kennen die meisten Frauen.

Für Frauen kommt das Risiko zur Unzeit. Durch die langen Ausbildungszeiten sind sie mittlerweile Mitte dreißig. Die Kinderfrage drängt. Noch immer bleiben viele Wissenschaftlerinnen kinderlos; für sie gab es kein „und“ – sie mussten sich für Familie oder Wissenschaft entscheiden.

Männer können alles haben. Sind die Kinder schon da, brauchen Kinder und Eltern Zeit. Aber auch in der Wissenschaft nehmen die wenigsten Männer Elternzeit, beteiligen sich weniger an der Sorgearbeit und werden stärker durch männliche Peers mitgezogen. In den Audits „Beruf und Familie“ spielen Männer keine Rolle.

Wie wäre es mit einem Wettbewerb zwischen den Einrichtungen, um zu ermitteln, wer Väter am besten dazu ermutigt, auch mal in Elternzeit zu gehen?

Wie wäre es mit einem Wettbewerb zwischen den Einrichtungen, um zu ermitteln, wer Väter am besten dazu ermutigt, auch mal in Elternzeit zu gehen? Eine Auszeichnung wäre das wert. Gleichstellung ist kein reines Frauending.

Das ist längst bekannt. Und doch gibt es an Hochschulen zu wenige Kitas, zu viel Gremienarbeit und zu viele Vorträge am Abend – und das Mandat, regional maximal mobil zu sein. Wir gehen mit Frauen um, als wären sie Männer, oder als würde der Haushalt eben von anderen gemanagt. Warum zahlen die Einrichtungen keine Familienhilfen?

Auch Dual Career (also Stellenangebote, die den Partner oder die Partnerin mitdenken und umzugsbedingten Jobwechsel unterstützen), stehen noch immer nicht auf der Tagesordnung. Teilzeitprofessuren auch nicht. Shared Leadership ist verpönt und nach den Grundordnungen mancher Einrichtungen sogar unmöglich. Warum denn?

680
Euro im Monat beträgt der Gender Pay Gap bei W-3-Professuren, bei W-2-Professuren liegt er bei 310 Euro.

Die wenigen Frauen im System werden zudem mit Aufgaben in Gremien überhäuft. Kürzlich habe ich das am Beispiel der beiden paritätisch besetzten großen ‚Räte‘ berechnet. Die Chance, in den Wissenschaftsrat oder den Ethikrat berufen zu werden, liegt bei Frauen dreißigmal höher als bei Männern.

Gremienarbeit ist eine Ehre und macht viel Arbeit. Auf Berufungen zahlt sie nicht ein.

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Es ist toll, mitsprechen und mitentscheiden zu dürfen, keine Frage. Aber die Arbeit an Peer-reviewed-Journal-Artikeln bleibt liegen, ebenso die Drittmittelanträge. Gremienarbeit zählt bei Berufungen nicht, Publikationen und Drittmittel schon. Gremienarbeit wird so leicht zum Cooling-out, zur Karrierebremse.

Auch bei der Lehre und Betreuung von Studierenden wissen wir, dass Frauen mehr Zeit dafür aufwenden als Männer. Warum achten wir nicht auf eine Gleichverteilung?

Die Aufgaben der Hochschulen werden immer vielfältiger. Die Belohnungssysteme ändern sich jedoch kaum. Am schmerzhaftesten zeigt sich das am Gender-Pay-Gap in der Wissenschaft. Er ist riesig und deutlich höher als in Wirtschaft und Verwaltung. Auf W-3-Professuren liegt er im Schnitt bei 680 Euro Monatsbrutto, bei W-2-Professuren bei 310 Euro und bei W-1-Professuren bei 110 Euro.

Es sind Angebote und Rufe von anderen Hochschulen, die sich kapitalisieren lassen, egal ob man wechselt oder nicht. Rufe erhält man durch Drittmittel und Publikationen sowie durch die Bereitschaft, sich regional zu verändern. Es sollte möglich sein, Leistungen weiter zu fassen, zu messen und entsprechend zu honorieren. Besser wäre es, bei Professuren klar und offen über Leistungsbestimmungen zu reden, als Gehaltserhöhungen mit der Drohung zu erzwingen, zu einer anderen Uni zu wechseln.

Und warum sind wir in der Wissenschaft so feige, die Gehaltsspreizungen nicht offen zu legen? Dann würden Frauen zumindest das Spiel verstehen. Vielleicht würden sie sich dann bewusst von Gutachtertätigkeiten, Gremien und dem Austausch mit Wirtschaft und Gesellschaft abwenden, ihre Betreuung in der Lehre reduzieren und alle Zeit in Tätigkeiten stecken, die sich auszahlen.

Studierende, Wirtschaft und Gesellschaft würden dadurch immens verlieren. Gerade in diesen Zeiten, in denen ihr Wirken für Studierende, Wirtschaft und Gesellschaft besonders wichtig ist.