„Einzigartiger“ Studiengang gerettet: HTW Berlin wird weiterhin Grabungstechniker ausbilden
Es ist eine überraschende Wendung: Entgegen ursprünglicher Pläne bleibt der Studiengang für Konservierung, Restaurierung und Grabungstechnik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin doch erhalten. Wie die Deutsche Presse-Agentur erfahren hat, hat der Akademische Senat der HTW am Montag mehrheitlich dagegen gestimmt, den Studiengang künftig zu streichen. Im Oktober 2026 werden nun doch Erstsemester aufgenommen.
„Es ist ein krasses Gefühl“, sagt Benjamin Mikuteit, Bachelorstudent im vierten Semester der Deutschen Presse-Agentur. „Eigentlich hat niemand mehr daran geglaubt, dass wir uns da irgendwie noch retten können.“ Mikuteit ist studentischer Vertreter im betroffenen Fachbereich Gestaltung und Kultur, zu dem auch sein Studiengang Konservierung, Restaurierung und Grabungstechnik gehört.
Weil die Hochschulen in Berlin weniger staatliche Zuschüsse bekommen, als zunächst angenommen, müssen sie sparen. Nicht nur an der HTW auch an den anderen Hochschulen wird deshalb gekürzt.
Studierende erwirkten neue Abstimmung
Ein Großteil des Hochschulbudgets entfalle auf die Personalkosten, deshalb müssten leider Stellen abgebaut werden, wie die Hochschule erklärt. In der Folge müssten auch zehn Prozent der Studienplätze gestrichen werden, um die Lehrqualität zu erhalten. Im Fokus stünden nicht ausgelastete Studiengänge.
Der Fachbereich Gestaltung und Kultur hatte daraufhin beschlossen, für den Bachelor Konservierung und Restaurierung und Grabungstechnik ab Oktober 2026 keine neuen Studierenden aufzunehmen. Im Master sollten ab April 2030 keine Erstsemester mehr starten. Der Bachelor hat mindestens 40 Plätze, der Master mindestens 20.
Der Akademische Senat hatte dem im Februar zunächst zugestimmt – doch die Studierenden legten ein Veto ein. Bei der erneuten Abstimmung am Montag wurde das Blatt nun gewendet.
Entscheidung spannend „wie ein Krimi“
Die Sitzung am Montag sei wahnsinnig emotional gewesen, „wie ein Krimi“, erzählt Mikuteit. Bis zum letzten Moment sei es für ihn vollkommen offen gewesen, wie die Abstimmung ausgehe. Ein Großteil der Studierenden der aktuellen Jahrgänge sei da gewesen. Als die Entscheidung feststand, gab es Jubel und Applaus. „Ich glaube, so laut war es noch nie in diesem Raum“, sagt Studienkollege Luis Jonas May, der ebenfalls Studienvertreter ist.
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Zu verdanken ist das Ergebnis wohl auch dem Engagement von May, Mikuteit und anderen Studierenden sowie Professorinnen und Professoren, die in den vergangenen Monaten erbittert für den Erhalt gekämpft haben. Es gab Protestaktionen, eine Demo, Unterschriftensammlungen, Protestbriefe und Interviews mit Journalisten. Fachverbände und Experten aus ganz Deutschland meldeten sich unterstützend zu Wort.
Pro Jahr hätten 10 bis 20 Grabungstechniker gefehlt
„Wenn der Studiengang wegfallen würde, hätte man kaum noch ausgebildete Grabungstechniker“, hatte der Vorsitzende des Deutschen Archäologen-Verbandes (DARV), Stefan Feuser, im Dezember gesagt. In Deutschland gebe es zwar Studiengänge mit ähnlicher Ausrichtung. Der HTW-Studiengang sei in seiner Form aber einzigartig, weil dort nicht nur Wissen vermittelt, sondern praktisch ausgebildet werde. Seine Prognose damals: Mit dem Wegfall würden pro Jahr 10 bis 20 Grabungstechniker und Grabungstechnikerinnen fehlen.
In Deutschland wird fast jedes größere Bauprojekt archäologisch begleitet. Grabungstechniker werden daher nicht nur in der Forschung benötigt. Egal, ob Stromtrassen, Leitungen, Autobahnen oder Neubauten: Bei jedem Bauprojekt muss vorher geprüft werden, ob archäologische Bodendenkmäler gefährdet sind, wie Feuser erklärte. Die freie Wirtschaft sei ein großer Arbeitgeber in der Archäologie und suche händeringend nach Nachwuchs.
Professorin: Kleine Fächer sind wichtig
Alexandra Jeberien ist Professorin mit Schwerpunkt archäologische und historische Objekte an der HTW und unterrichtet Bachelor- und Master-Studierende des betroffenen Studiengangs. Die Entscheidung am Montag sei „eine große Sensation“, „große Überraschung“ und „große Freude“ gewesen, die für „große Erleichterung“ gesorgt habe. „Wir freuen uns einfach.“ Es tue der HWR und dem Bildungsstandort Berlin gut, auch kleine Fächer zu erhalten und ein vielfältiges Angebot zu bieten.
Die Sparmaßnahme müsse der Fachbereich trotzdem durchsetzen und nun schauen, wie an anderer Stelle gekürzt werden könne, sagt sie. „Das fängt jetzt wieder von vorne an.“
Für ihren Studiengang freue sie sich im kommenden Wintersemester auf großen Zulauf. „Leute, die sich für Geschichte, für historische Dokumente, für historische Objekte, für Archäologie interessieren, sollen zum Eignungsgespräch kommen.“ Eignungsgespräche würden im Mai und Juni angeboten. Wenn Bewerberinnen und Bewerber sie erfolgreich absolvieren, können sie sich online bis spätestens 15. September bewerben.
„Es gibt viele Bewerbungsinteressierte, die sich im Winter gemeldet haben“, so Jeberien. Für die hat sie jetzt gute Nachrichten. (dpa)