„Ohne belegten Zusatznutzen“: Antikörper verlangsamen Alzheimer kaum

Die zunächst mit großen Hoffnungen verbundenen Alzheimer-Wirkstoffe wie Lecanemab und Donanemab haben einer großen Überblicksstudie zufolge wohl kaum klinischen Nutzen, dafür aber einige Risiken. Das teilt die britische Organisation Cochrane mit, die regelmäßig Übersichtsarbeiten zu Gesundheitsthemen veröffentlicht.

Der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken (G-BA) hat den Wirkstoff Donanemab jetzt unabhängig von der Cochrane-Veröffentlichung genauso eingestuft wie zuvor schon Lecanemab. Laut dem Expertengremium gibt es im Vergleich zu älteren Behandlungsansätzen „keinen belegten Zusatznutzen“.

Anwendung weiter möglich, aber Zukunft fraglich

Lecanemab (Handelsname Leqembi) und Donanemab (Handelsname Kisunla) gehören zu einer Gruppe von Wirkstoffen, die sich direkt gegen die Eiweißablagerungen im Gehirn wenden, die mit dem Absterben von Nervenzellen bei Alzheimer in Verbindung gebracht werden. Beide Mittel sind für Alzheimer-Patienten im frühen Stadium, also mit leichter kognitiver Störung sowie mit leichter Demenz, zugelassen.

„Einen Zusatznutzen konnten wir auf Basis der vorliegenden Daten auch bei Donanemab, dem zweiten neuen Wirkstoff gegen die frühe Alzheimer-Krankheit, nicht feststellen – leider, das sage ich ganz ausdrücklich“, betonte der G-BA-Vorsitzende Josef Hecken laut einer Mitteilung. „Denn auch hier waren die Erwartungen von Betroffenen, ihren Familien und der Ärzteschaft selbstverständlich groß.“

Für Patienten mit leichter Demenz zeigte sich demnach kein Vorteil, für Patienten mit leichter kognitiver Störung fehlten Daten, um einen Zusatznutzen zu belegen. Donanemab kann – wie Lecanemab – trotz dieser Beschlüsse zunächst weiter verordnet werden, langfristig ist das jedoch fraglich.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) hält die Entscheidung des G-BA für falsch und nicht im Sinne der Betroffenen. Die Fachgesellschaft kritisiert das methodische Vorgehen im Vorfeld des Beschlusses und befürchtet eine Versorgungslücke.

„Die Bewertung des G-BA beruht maßgeblich darauf, dass Patientinnen und Patienten mit leichter kognitiver Störung und leichter Demenz als zwei Gruppen angesehen werden“, wird DGPPN-Vorstandsmitglied Frank Jessen in einer Mitteilung der Fachgesellschaft zitiert. Die Sichtweise entspreche nicht mehr dem Stand der Wissenschaft, sagt Jessen.

Der G-BA betont in seinem Beschluss jedoch auch, dass sich, wenn in Zukunft mehr Daten vorliegen, noch eine andere Bewertung ergeben könne. „Vielleicht zeigt sich im Rückblick doch noch, dass wir hier über Türöffner sprechen, die den langersehnten Durchbruch bei der Behandlung dieser schlimmen Krankheit, die die Persönlichkeit schleichend auslöscht, bringen“, sagt der Vorsitzende Hecken.

Wirkung vs. Nebenwirkung

In der Überblicksstudie von Cochrane wurden auch noch weitere, ähnliche Mittel betrachtet. „Leider deuten die Erkenntnisse darauf hin, dass diese Medikamente für die Patienten keinen nennenswerten Unterschied bewirken“, erklärt der Hauptautor Francesco Nonino vom IRCCS Institut für Neurologische Wissenschaften in Bologna. „Es gibt mittlerweile überzeugende Belege für die Schlussfolgerung, dass es keine klinisch bedeutsame Wirkung gibt.“ Zwar hätten frühere Studien statistisch signifikante Ergebnisse gezeigt, doch dies sei von der klinischen Relevanz zu unterscheiden.

Für ihre Analyse wertete das Forschungsteam 17 klinische Studien der Pharma-Hersteller aus, die Daten von mehr als 20.000 Alzheimer-Patientinnen und -Patienten mit leichter kognitiver Beeinträchtigung oder leichter Demenz umfassen. Auf solche Patienten zielen die Wirkstoffe ab, um bei Alzheimer im frühen Stadium den geistigen Abbau zu verlangsamen. 

18 Monate Behandlung mit den jeweiligen Antikörpern hatten höchstens geringen Einfluuss auf die Demenzsymptome der Patienten, den Abbau ihrer geistigen Fähigkeiten und wie sie mit alltäglichen Aufgaben zurechtkamen. 

Schlüssel im Kühlschrank? Betroffene einer Demenz neigen dazu, Gegenstände an ungewöhnlichen Stellen abzulegen.

© Karl-Josef Hildenbrand/dpa/dpa-tmn

Allerdings zeigte sich, dass die mit Antikörpern behandelten Patienten etwas häufiger Hirnschwellungen sowie Hirnblutungen hatten als jene, die stattdessen ein Placebo verabreicht bekamen. 

Die Autoren führen den kurzen Untersuchungszeitraum selbst als Schwäche ihrer Studie an. Weitere Forschung sei notwendig, um mögliche Langzeitwirkungen zu erkennen. Dennoch rät das Team dazu, sich bei der Entwicklung von Alzheimer-Medikamenten auf andere Wirkmechanismen zu konzentrieren.

Nicht der erste Hinweis dieser Art

Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, findet die Ergebnisse der Cochrane-Analyse nicht überraschend. Es seien sämtliche Studien zu den sogenannten Beta-Amyloid-Antikörpern zusammen ausgewertet worden, auch zu Substanzen, deren Entwicklung wegen eines ungünstigen Nutzen-Risiko-Profils bereits aufgegeben worden sei, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. 

Die Befunde der Cochrane-Experten weisen in die gleiche Richtung wie die des Gemeinsamen Bundesausschusses von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken für Lecanemab, das in Deutschland seit vergangenem Herbst auf dem Markt ist. Hierbei wurde die Behandlung allerdings nicht mit einem Placebo verglichen, sondern mit anderen, gängigen Behandlungsmethoden, die Symptome bekämpfen. 

Lecanemab und Donanemab dürfen in der EU nur Patienten gegeben werden, die nur eine oder keine Kopie des Gens ApoE4 haben. Bei ihnen ist die Wahrscheinlichkeit für Schwellungen und Blutungen im Gehirn als schwere Nebenwirkungen geringer als bei Menschen mit zwei ApoE4-Kopien.

Auf Grundlage der Bewertung des Gemeinsamen Bundesausschusses handelt der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen üblicherweise den Preis für Medikamente mit den Pharmaherstellern aus. Einigen sie sich nicht, kann der Hersteller das Mittel vom Markt nehmen. (pei mit dpa)