Ein Riese unter den Kraken: Oktopus war Topräuber in Meeren der Kreidezeit
Bis zu 19 Meter lang, scharfe Kiefer – und allem Anschein nach intelligent: Aus Kieferfunden rekonstruiert ein Forscherteam im Fachjournal „Science“ einen Riesenoktopus, der vor etwa 100 Millionen Jahren die Ozeane durchstreifte.
Möglicherweise stellten die Tiere sogar damaligen Meeresreptilien wie den mit 17 Metern Länge nur wenig kleineren Mosasauriern nach. Nanaimoteuthis haggarti ist demnach das größte bislang bekannte wirbellose Tier.
Reißen und Beißen
Die Analyse verändert grundlegend das Bild dieser Gruppe von Kopffüßern, die sich zwar räuberisch ernährte, bislang aber eher als Beute von anderen Meeresräubern galt. In der Studie analysierte das Team um die Paläontologen Shin Ikegami und Yasuhiro Iba von der Universität Hokkaido in Japan gefundene Kiefer von cirrentragenden Kraken. Diese haben Flossen am Ende des Körpers.
Wir kennen vielleicht nur ein Prozent der damaligen Lebewesen.
Jörg Mutterlose, Co-Autor, Ruhr-Universität Bochum
Die Forschenden identifizierten zwei Arten: N. haggarti und den mit etwa sieben Metern Länge deutlich kleineren N. jeletzkyi. N. haggarti sei möglicherweise das größte Tier in den Ozeanen der Kreidezeit – also von vor 150 bis vor 66 Millionen Jahren – gewesen, schreibt die Gruppe.
© Yohei Utsuki/Department of Earth and Planetary Sciences, Hokkaido University
Die aus Chitin bestehenden Kiefer, die einem Papageienschnabel ähneln, können versteinern und lange Zeiträume überdauern. Die Größe der Oktopusse berechnete das Forschungsteam, dem der Paläontologe Jörg Mutterlose von der Ruhr-Universität Bochum angehört, aus dem Durchmesser des mineralisierten Unterkiefers von nur wenigen Zentimetern.
Auffällig war, dass schon bei den Jungtieren die eigentlich scharfen Kiefer stark abgestumpft waren. Daraus folgert das Team, dass die Kraken Jäger waren, die sowohl harte Schalen als auch Knochen zerbissen.
Aufschlussreich ist auch die asymmetrische Abnutzung. Das Team nimmt an, dass die Tiere ihre Beute mit den langen, Saugnapf-bewehrten Armen ergriffen und zerrissen. Sie könnten dann die einzelnen Teile den Kiefern zugeführt und dabei eine Körperseite bevorzugt haben. Und das deute auf eine Spezialisierung von Nervenzellen hin und könne ein Zeichen für fortgeschrittene Intelligenz sein, mutmaßt die Gruppe.
Bisher sei man davon ausgegangen, dass während der vergangenen 370 Millionen Jahre große Wirbeltiere im Meer an der Spitze der Nahrungskette gestanden hätten, während Wirbellose wie die Kopffüßer ihnen als Beute dienten. „Diese Studie zeigt, dass die frühesten, gigantischen Oktopusse außergewöhnliche Wirbellose waren, die eine Stellung im Oberrang der Nahrungsketten der Kreidezeit erreichten“, schreibt die Gruppe.
Co-Autor Mutterlose geht von weiteren Entdeckungen aus: «Wir glauben, über die damalige Zeit viel zu wissen», sagt der Experte. „Aber wir kennen nur vielleicht ein Prozent der damaligen Lebewesen.“ (dpa)