Chips, Schokolade, Erde: Wie Berberaffen Touri-Snacks verdauen

Sie sind berühmt, als Europas einzige frei lebende Affen, und berüchtigt, wegen gelegentlicher Übergriffe auf Touristen und Speisekammern. Wie genau die Berberaffen (Macaca sylvanus) aus Nordafrika über die Meerenge zur Südspitze der iberischen Halbinsel gelangten, ist nicht geklärt.

Seither haben Forschende aber in einer dort eingerichteten Begegnungszone für Affe und Mensch aufschlussreiche Beobachtungen gemacht. Zum Beispiel, was man tun kann, wenn man sich an süßen oder salzigen Snacks überfressen hat.

Wildwechsel

In dieser Kolumne beschreibt Patrick Eickemeier skurrile, andersartige, aber bisweilen sonderbar vertraute Verhaltensweisen von Tieren. Alle bisherigen Folgen sind hier zu finden.

Was kommt zuerst? Ist es der Gedanke, dass man vielleicht doch besser nicht die ganze Packung Chips aufgegessen hätte, oder der leichte, aber eindeutig unangenehme Magendruck? Wenn man es wirklich übertrieben hat, den Chips etwa eine Tüte Schoko-Erdnüsse vorangegangen ist, können weitere Symptome folgen: Aufstoßen, Speichelfluss und Schlimmeres. Uns wird schlecht.

Ob gefunden oder geklaut, die Berberaffen lassen selten etwas übrig.

© Martin Nicourt/Gibraltar Macaques Project

Ob es sich für die Gibraltar-Affen genauso anfühlt, wissen wir nicht. Aber Forschende haben beobachtet, dass die Tiere nicht nur gelegentlich völlig primatenungeeignete Nahrungsmittel zu sich nehmen, sondern regelmäßig. Eben das, was menschlichen Besuchern des Affenfelsens herunterfällt, oder das, was sich ihnen entwenden lässt.

„Die von Touristen mitgebrachten Lebensmittel sind extrem kalorien-, zucker-, salz- und milchreich“, sagt Sylvain Lemoine. Wie ein Team um den Anthropologen von der Universität Cambridge jetzt in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ berichtete, unterscheiden sie sich völlig von der üblichen Nahrung der Art. Berberaffen ernähren sich von Kräutern, Blättern, Samen und gelegentlich Insekten.

Die Forschenden vermuten, dass die Touri-Snacks die Zusammensetzung des Darmmikrobioms der Tiere stören und Beschwerden hervorrufen. Aber die findigen Affen haben ein Gegenmittel gefunden, das sie lindert. Sie essen Erde.

Dieser Berberaffe hat sich eine Stelle gesucht, an der rote, tonhaltige Erde offenliegt.

© Martin Nicourt/Gibraltar Macaques Project

Das „Geophagie“ genannte Verhalten zeigen auch andere Tiere und sogar einige Menschen. Es wird vermutet, dass in der Erde enthaltene Substanzen Giftstoffe binden oder den pH-Wert regulieren können. Unter den Berberaffen Gibraltars wird Geophagie wahrscheinlich sozial erlernt, vermuten die Forschenden, da es in den Gruppen reichlich Gelegenheit dazu gibt und unterschiedliche Gruppen jeweils eine Lieblingssorte Erde haben.

Die Snacklust des Menschen hat dazu geführt, dass die Berberaffen nun eine lokale Tradition pflegen: Erde essen. Da sie damit zu einer noch größeren Touristenattraktion werden könnten, dürfte sie noch lange fortbestehen.

„Das Fressen von Erde ermöglicht es ihnen möglicherweise, weiterhin Nahrung zu sich zu nehmen, die zwar negative Auswirkungen auf die Verdauung hat, für sie aber genauso köstlich ist wie für uns“, sagt Lemoine.